Der Karatschai-See: Wo man das Baden besser bleiben lässt

Der Karatschai-See: Wo man das Baden besser bleiben lässt

Von einer Reiseseite wird normalerweise erwartet, Lesern die besonders traumhaften Orte dieses Planeten vorzustellen. Warum nicht den Spieß einfach einmal umdrehen und aufzeigen, wo es so richtig eklig ist? Beispielsweise an einem See, in dem man um Himmelswillen nicht baden sollte.

Eigentlich wäre der Karatschai-See ein richtig idyllischer Fleck im südlichen Ural, unweit der Stadt Kyschtym in der russischen Region Tscheljabinsk. Zwar trocknete der See periodisch immer wieder einmal aus, der nächste starke Regen behob diesen Makel jedoch umgehend. Nun sollte man davon ausgehen, das sich heute Ansässige aus der näheren Umgebung und Touristen gleichermaßen an den Ufern tummeln, um zu baden, zu angeln oder um sich einfach nur in der Sonne zu aalen.

Aus dem Dornröschenschlaf direkt ins Atomzeitalter

Doch es sollte anders kommen: Nach seiner Entdeckung im 18. Jahrhundert fristete der Karatschai-See zunächst ein eher unbemerktes Dasein, denn erst im Jahr 1989 erfuhr die Weltöffentlichkeit von dessen Existenz. Zu diesem Zeitpunkt gab die damalige Sowjetunion offiziell bekannt, dass sich bereits 1957 in Majak, einem als nukleares Zwischenlager, Wiederaufbereitungsanlage und Schmiede für Atombomben genutztes Areal, ein schwerer Unfall ereignet hatte.

„Ewiges Feuer in der geheimen Stadt“ betitelte die Süddeutsche einst einen Artikel über die im Verborgenen gehaltene Stadt Osjorsk, die 1946 eigens zu dem Zweck errichtet wurde, Wissenschaftler, Techniker und, wen wundert es, Strafgefangene zu beherbergen, die in der Atomfabrik Majak beschäftigt waren. Zu besten Zeiten waren in dem „Besserungsarbeitslager“, wie es offiziell hieß, bis zu 20.400 Personen inhaftiert.

Das schleichende Sterben in Osjorsk begann ab 1951, als die Abwässer von Majak in den, völlig unromantisch als V-9-Wasserspeicher gelisteten, Karatschai-See geleitet wurden. Zwei Jahre später besannen sich die Verantwortlichen zwar eines Besseren und lagerten den nuklearen Müll fortan in Tanks, doch das Schicksal des Sees war zu diesem Zeitpunkt bereits besiegelt. Die Radioaktivität betrug 120 Millionen Curie, doppelt soviel wie nach der Tschernobyl-Katastrophe im Jahr 1985.

Radioaktivität für etliche Jahrhunderte

Nur Monate später kam es dann endgültig zum Super-Gau: Ein Tank flog in die Luft. Fukushima sei im Vergleich zum Karatschai-See Pillepalle und Tschernobyl wirke wie ein Kindergeburtstag, heißt es heute, wenn es um Orte geht, an denen die radioaktive Strahlung sämtliche Grenzwerte schon längst um ein Vielfaches überschritten hat. Wer in dem See schwimme, sei innerhalb einer halben Stunde mausetot, wussten Experten schon in den Fünfzigerjahren.

Das „Worldwatch-Institut“ in Washington schätzt, dass der Karatschai-See noch hunderte, wenn nicht gar tausende Jahre, so genau weiß man es schon aus Mangel an Erfahrung nicht zu sagen, eine Nuklearmüllhalde bleiben wird. In einer Studie aus dem Jahr 1991 stufte das Institut die Region mitsamt dem fast fünfzig Hektar großen See als eine der gefährlichsten der Welt ein. Insgesamt, so schätzt man, sind der Strahlendosis rund eine halbe Million Menschen ausgesetzt.

Die französischen Tageszeitung „Ouest-France“ berichtete, dass die Zahl der an Krebs erkrankten Menschen in der Umgebung seit Beginn der Nutzung des Karatschai-Sees als Atommüllhalde um mehr als zwanzig Prozent gestiegen sei. Ebenso wurden 41 Prozent mehr Leukämie-Erkrankungen verzeichnet, heißt es weiter. Angeborene Anomalien, ein schöneres Wort für Missgeburten, stiegen um 25 Prozent an.

Aussichtsloser Kampf gegen die Folgeschäden

Um zu verhindern, dass sich die Strahlung aus dem Gewässer unkontrolliert weiter verbreiten kann begann man 1978 den See mit Betonhohlkörpern zu verfüllen. Nach rund vierzig Jahren Hilflosigkeit im Kampf gegen die Folgen entschloss man sich schließlich einen Deckel über den See zu legen, der nun nach und nach begrünt werden soll. Aus Vorsicht wurde auf tief wurzelnde Pflanzen verzichtet, da sie während ihres Wuchses die Abdeckung wieder aufbrechen könnten.

Zwar scheint die unmittelbare Gefahr dadurch zunächst gebannt, Wissenschaftler befürchten jedoch weitere, nämlich indirekte Folgen: Mit jedem stärkeren Windstoß werden Staubpartikel in sämtliche Himmelsrichtungen verweht. Außerdem glaubt man, dass über das Grundwasser der nahegelegene Fluss Tetscha, der wiederum in den den Arktischen Ozean entwässert, radioaktives Material in nicht geringen Mengen aufnehmen könnte.

Da erscheint es als eine Ironie des Schicksals, dass sich das, nur wenige Kilometer von der Stadt Osjorsk entfernte, jedoch nie in Betrieb genommene, Kernkraftwerk Süd-Ural befindet. Ursprünglich sollte das Kraftwerk direkt in Osjorsk ans Netz gehen, aus nachvollziehbaren Gründen wurde der Plan jedoch schnell wieder verworfen. Heute erscheint der Komplex wie ein Mahnmal für die unkalkulierbaren Risiken der Nukleartechnologie.

[mb/russland.REISEN]